Wie Hip Hop einem verloren geglaubten Quartier neue Hoffnung schenkte

comuna 13 graffiti tour

Am 16. Oktober 2002 greifen das kolumbianische Militär, die nationale Polizei und die Luftwaffe gemeinsam die Comuna 13, eines der ärmsten Quartiere Medellíns, an. Ganze vier Tage lang herrscht in den Strassen des Quartiers offenes Schussfeuer, Helikopter schiessen auf Häuser mit Kalibern, die Wände durchschlagen und Menschen in der Hälfte zerteilen können. Zahlreiche Menschen verschwinden, es gibt aussergerichtliche Hinrichtungen und Zivile werden verletzt und sogar getötet. Das Ganze nennt sich Operación Orión und sollte dazu dienen, die städtischen Milizen der Guerillas Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC), Ejército de Liberación Nacional (ELN) und Comandos Armados del Pueblo (CAP) ohne Rücksicht auf die zivilen BewohnerInnen aus dem Quartier zu vertreiben.

Die Operación Orión war nicht die einzige solche Operation, aber die letzte. War die Operación Orión so erfolgreich, dass es danach keiner mehr bedurfte? Das wird bezweifelt. Fakt ist aber, dass die Comuna 13, die zwischen 140’000 und 150’000 Menschen (davon rund 60% zwischen 10 und 30 Jahren) beherbergt, heute ein sicheres Quartier ist, das man als Tourist bedenkenlos besuchen kann.

So natürlich auch wir. Über die Spanischschule buchen wir eine sogenannte Graffiti-Tour, die uns dieses spezielle Quartier etwas näher bringen würde. An der Metrostation treffen wir unseren Führer Jeihhco, ein Einwohner der Comuna 13 und leidenschaftlicher Hip Hop Künstler. Er führt uns den ganzen Nachmittag durch das Quartier, seine turbulente und blutige Geschichte und seine enge Beziehung zur Hip Hop Kunst.

2002, im selben Jahr als das Quartier in der Operación Orión angegriffen wurde, hörte José Arrollano, ein Einwohner der Comuna 13, eine seltsame neue Musikrichtung, in der junge Leute ihre Geschichte erzählten. Hip Hop hatte seinen Weg in Medellíns gefährlichstes Quartier gefunden. José fand, Hip Hop könnte einen guten Einfluss auf sein Quartier haben und organisierte deshalb zusammen mit ein paar Freunden ein erstes Meeting, um gemeinsam Musik und Kunst zu machen. Da Hip Hop aus den vier Teilbereichen DJing, Rap, Graffiti und Breakdance besteht, konnte für jede/n etwas Passendes gefunden werden. An diesem ersten Meeting nahmen damals 66 Leute teil, die so anfingen, die Hip Hop Kunst als ein Instrument für Veränderung zu verbreiten. In ihrer Kunst verarbeiteten die Jugendlichen Themen wie Geschichte, Kultur, Politik und Leadership und veranstalteten 2013 elf Jahre nach der Operación Orión ein Hip Hop Konzert mit dem Namen Operación Hip Hop, um zu zeigen, dass die Gewalt nicht siegen wird. Das Konzert stand unter dem Motto Revolución sin muertos (Revolution ohne Tote). „Die Regierung brachte uns 2002 mit Maschinengewehren und Helikoptern Krieg und Tod, wir Jugendliche bringen nun mit Mikrophonen und Dancefloors Leben und Hoffnung.“, erklärt uns Jeihhco.

Aus den paar Freunden mit einer Begeisterung für Hip Hop ist inzwischen das Jugendzentrum Casa Kolacho geworden, das Jugendlichen gratis Kurse in DJing, Rap, Graffiti, Breakdance und audiovisueller Produktion anbietet und ihnen so Wege und Mittel zeigt, sich auszudrücken und an der Gesellschaft teilzuhaben.

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Hier seht ihr die Rolltreppen, von denen ich euch in diesem Beitrag bereits erzählt habe. Unser Führer Jeihhco hat uns aber auf der Tour ein nuancierteres Bild dieser Bauwerke vermittelt. Die EinwohnerInnen der Comuna 13 sagen nämlich, dass die Rolltreppen gleichzeitig Engel und Dämon sind, da sie dem Quartier nicht nur Gutes gebracht haben. Die Rolltreppen sind Engel, da sie der Wirtschaft geholfen, 340 Treppenstufen leichter überwindbar gemacht und allgemein die Lebensqualität verbessert haben. Sie sind aber auch Dämon, da sie zwar die Wirtschaft angekurbelt haben, aber nur direkt neben den Rolltreppen und nicht im Rest des Quartiers. Ausserdem sind sie von 6 Uhr morgens bis 22h abends in Betrieb, obwohl die meisten ArbeiterInnen dieses Quartiers von 4 Uhr bis 23 Uhr arbeiten. Es wird auch kritisiert, dass das Projekt gar nicht mit der Gemeinschaft besprochen und deren Bedürfnisse nicht berücksichtigt wurden. Denn nun hat das Quartier zwar mehrere Rolltreppen aber immer noch keine Schule. Ihr seht, Engel und Dämon eben.

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„Hier gibt es die besten Glacés der Welt, die müsst ihr unbedingt probieren!“ – Haben wir natürlich alle gemacht und sie waren auch wirklich gut.

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comuna 13 graffiti tour casa kolacho

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Mein eigener „Tag“. Daran muss ich noch ein bisschen arbeiten.

“Medellin isn’t a model of a perfect city, Medellin is a laboratory city, where we experiment on a daily basis, because we’re tired of suffering, because we’re tired of living what we’ve lived. Because we believe it’s possible to have a better world and that we’re capable of doing it” – Jeihhco (Casa Kolacho, Comuna 13)

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