Zum ersten Mal im Zentrum Medellíns

walking tour medellin centro

Nach fast einer Woche in Medellín – gut, drei Tage war ich in Pereira mit meiner Gastfamilie – habe ich es endlich ins Stadtzentrum geschafft. Es mag euch vielleicht überraschen, dass ich nicht vorher da war, aber El Poblado, das Quartier, in dem meine Gastfamilie wohnt, hat einfach alles: nette Cafés, gute Restaurants, mehrere grosse Supermärkte, Salsaschulen und auch meine Spanischschule ist hier. Ausserdem ist das Quartier einfach echt schön (wenn auch ziemlich touristisch). Es ist deshalb nicht sehr verwunderlich, dass ich meine ersten paar Tage hier verbracht habe, es war einfach zu praktisch!

Nun aber zu Medellíns Stadtzentrum.

Von Leuten an meiner Schule aber auch im Internet habe ich erfahren, dass die Walking Tour von Real City Tours mit Abstand die beste Tour der Stadt (wenn nicht des Kontinents!) ist. Ich habe mich also für eine Nachmittagstour angemeldet und wurde dann am abgemachten Treffpunkt einer Gruppe und einem Führer – Hernán – zugeteilt. Hernán war früher Dozent an der Universität, hat dann die Welt bereist und sich komplett umorientiert. Nun ist er Reiseführer, und dazu einer der besten, die ich je getroffen habe.

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Die Tour begann damit, dass Hernán uns einerseits die wichtigsten Eckpunkte der Geschichte Kolumbiens und Medellíns erläutert sowie ein paar Grundsätze der vierstündigen Tour erklärt hat. Zum Beispiel würde er den Namen Pablo Escobar, der wohl berüchtigtste Einwohner dieser Stadt, während der Tour nicht erwähnen, sondern ihn The Famous Criminal nennen. Dies damit die Einheimischen, die oft kein Englisch verstehen, nicht den Eindruck erhalten, dass er ihn vor uns Touristen verherrlicht.

Ich fand es extrem spannend zu erfahren, wie es Medellín geschafft hat, sich in knapp 20 Jahren von einer der gefährlichsten und gewalttätigsten Städte der Welt zu einer freundlichen, sicheren und sehr innovativen Stadt zu wandeln. Hernán erklärte uns, dass für diese Entwicklung vor allem drei Faktoren entscheidend waren:

  1. Eine starke Sicherheitsplattform und ein viel aggressiveres Vorgehen gegen die Drogenkartelle von Seiten der in 2002 neu gewählten Regierung um Álvaro Uribe Vélez. Er wird von der Bevölkerung auch die „eiserne Faust“ genannt, weil er die Drogenkartelle und die verschiedenen Gruppierungen des Bürgerkriegs (Guerilla-Gruppen und paramilitärische Einheiten) so streng anging. Manchmal zu streng, wie sich im Nachhinein herausstellte, denn es wurden in dieser Zeit auch zahlreiche Menschenrechtsvergehen von Seiten der Regierung begangen.
  2. Die Realisierung einer demokratischen Architektur. Das klingt ziemlich abstrakt, ist aber meines Erachtens eine sehr innovative Strategie, um die Gemeinschaft zu stärken und Hoffnung zu verbreiten. Ein Beispiel für demokratische Architektur ist zum Beispiel die Plaza de las Luzes (siehe weiter unten), die früher einer der gefährlichsten Orte der Stadt gewesen war, da sie besetzt war von Drogenhändlern, Prostituierten und jeder Art von Kriminellen. Die Stadt beschloss also, den Platz zurückzunehmen und verwandelte ihn in ein Symbol der Hoffnung und des Optimismus. Dasselbe machte sie mit zwei alten Gebäuden, die am Rand der Plaza de las Luzes stehen und quasi die Hauptquartiere des Drogenhandels waren. Die Stadt vertrieb die Drogenhändler aus den Gebäuden, restaurierte sie und quartierte darin das Erziehungsministerium ein. So verwandelte sie das Hauptquartier des Negativen in das Hauptquartier der Jugend und der Zukunft. Ein weiteres Beispiel ist das sehr gut ausgebaute öffentliche Verkehrssystem der Stadt mit Metro (einer Art S-Bahn, die die verschiedenen Quartiere miteinander verbindet), Tram, aber vor allem Seilbahn und sogar öffentlichen Rolltreppen, um die ganz armen Quartiere in den Hügeln an den Rest der Stadt anzubinden. Die Stadt zeigte so diesen Quartieren, dass sie auch dazugehören und dass sie sich auch um sie kümmert. So fühlten sich die EinwohnerInnen dieser Stadtteile nicht mehr vernachlässigt und ignoriert und hatten daher weniger Tendenz, sich Gangs anzuschliessen.
  3. Die sogenannte Bildung mit Würde, die abermals darauf abzielte, die benachteiligten Bevölkerungsgruppen in den ärmeren Quartieren in die Stadt zu integrieren und ihnen neue Perspektiven zu geben. So wurde die Schulbildung gratis und obligatorisch in der ganzen Stadt und es wurden zahlreiche Bibliothekparks in den armen Quartieren gebaut, um den Leuten Zugang zum Lernen zu geben. Medellín zeigte so abermals seinen verletzlichsten MitbürgerInnen, dass sie sie nicht vergessen hat und dass es andere Möglichkeiten für die Jugendlichen gibt ausser den bewaffneten Gangs.

Natürlich ist dies eine stark vereinfachte Darstellung der Erfolgsfaktoren in Medellíns Entwicklung, aber ich kann mir gut vorstellen, dass diese drei Punkte auch andernorts für mehr Frieden und Hoffnung sorgen könnten. Vor allem der Punkt der Bildung.

Hernán erzählte uns natürlich noch viel mehr Spannendes, aber diese Informationen haben mich am meisten beeindruckt.

Nach der Geschichtslektion starteten wir unsere Tour im Regierungsviertel von Medellín (Medellín ist die Hauptstadt der Provinz Antioquia).

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Die Skulptur auf dem oberen und dem unteren Foto bildet die Geschichte von Antioquia ab – von der indigenen Bevölkerung, über den Kolonialismus, die Einführung des Christentums, den Kaffeeanbau und den Goldabbau, den Bau der ersten Eisenbahn bis zur gewalttätigen Phase und schliesslich heute.

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Die Sicht vom Regierungsquartier auf die Plaza de las Luzes, die ich oben bereits erwähnt hatte, und die auf den folgenden zwei Fotos noch genauer zu sehen ist.

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Die Fussgängerzone der Carabobo Strasse, die eigentlich gar nicht als Fussgängerzone gedacht war. Irgendwann fingen Strassenhändler einfach an, auf dieser Strasse ihre Waren zu verkaufen. Es sprach sich herum, dass hier gut verkauft werden konnte, deshalb kamen immer mehr Händler und als die Polizei schliesslich einschreiten wollte, war es zu spät. Die Verkäufer hatten die Strasse bereits fest in der Hand, also gab die Regierung nach und erklärte die Strasse zur Fussgängerzone. An die eigentliche Bestimmung der Strasse erinnern noch die Lichtsignale, die man auf diesem Foto gut sieht, sowie einige Strassenschilder und Bodenmarkierungen. Mir gefällt die Strasse als Fussgängerzone aber sowieso viel besser, sie ist sehr lebendig und man findet hier fast alles, von frischen Früchten über Snacks zu Kleidern und Schuhen bis hin zu Kosmetik und Schmuck.

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Wir sind am Parque Botero angekommen, der, wie es der Name schon sagt, mit ganz vielen Skulpturen des Künstlers Fernando Botero geschmückt ist. Die ganz verschiedenen Bronzeskulpturen werden von den KolumbianerInnen gerne „Los Gordos de Botero“ (die Dicken von Botero) genannt, eigentlich sind sie aber gar nicht dick sondern überproportional. Der Künstler hat einfach gerne mit den Proportionen gespielt.

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Unsere Tourgruppe, bestehend aus Leuten aus den USA, Australien, England, Deutschland, Holland, Norwegen, Schottland, Panama und natürlich der Schweiz.

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Zu diesem wunderschönen Gebäude hat uns Hernán natürlich auch eine interessante Geschichte erzählt: Der Bau des Gebäudes, das der neue Sitz der antioquischen Verwaltung hätte werden sollen, begann anfangs des 20. Jahrhunderts unter der Leitung eines belgischen Architekten. Da aber irgendwann das Geld fehlte, wurde die Fertigstellung des Gebäude um mehrere Jahre verzögert und der Architekt kehrte nach Belgien zurück. Statt die Kathedrale gemäss den Plänen des Architekten im neugotischen Stil fertigzubauen, beschlossen die kolumbianischen Bauleiter dann, das unfertige Bauwerk einfach mit einer grossen Mauer zu beenden (siehe unteres Foto). Naja, so ist die Kathedrale wenigstens echt einzigartig! Heute heisst das Gebäude Palacio de la Cultura Rafael Uribe Uribe und beherbergt das Institut für Kulturerbe von Antioquia mit einem Geschichts- und Fotografiearchiv, einem Musik- und Tonarchiv, einem Café, einer Bibliothek, einem Dokumentationszentrum, einer Kunstgalerie und einem Museum.

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Die Mauer, die das Gebäude auf der einen Seite abschliesst. :-)
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Die Metro. Wie bereits erwähnt ein Symbol für die Entwicklung Medellíns, dem die Paisas (die Einwohner Medellíns) extrem Sorge halten. Man sieht in der Metro weder bekritzelte Wände noch kaputte Sitze oder Kaugummis am Boden – so wichtig ist den Leuten die Metro.

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Die Tour führte uns natürlich auch zu einer fast allgegenwärtigen Person in kolumbianischen Ortschaften: Simón Bolívar, dem Befreier mehrerer südamerikanischer Länder, darunter auch Kolumbien. Ihm ist in jedem noch so kleinen Dorf der zentrale Platz gewidmet, wo er auch immer mit einer Statue vertreten ist.

In Medellín gehört der Parque Bolívar nicht unbedingt zu den klassischen Sehenswürdigkeiten, da sich hier vor allem die Randständigen der Gesellschaft aufhalten. Da sich unsere Tour aber Real City Tour nennt, zeigt sie uns nicht nur die schönen Seiten der Stadt, sondern eben zum Beispiel auch diesen Park.

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Die letzte Station unserer Tour ist der Parque San Antonio, genauer gesagt diese beiden Vogelskulpturen von Fernando Botero. Unter der linken Skulptur explodierte 1995 während eines Musikfestivals eine Bombe, die 30 Leute (darunter Kinder) tötete. Der Künstler selbst bat dann die Regierung darum, die kaputte Skulptur im Andenken an die Opfer stehen zu lassen und kreierte eine zweite Skulptur, die Hoffnung und Frieden und das neue Medellín symbolisiert. Hernán sagte uns, dass die zweite Statue auch unser Symbol sei, da wir Touristen dazu beitragen, dass Medellín seinen schlechten Ruf verliert und sich weiter entwickelt. Indem wir den Leuten bei uns zuhause erzählen, was für eine tolle Stadt Medellín heute ist, tragen wir dem Hoffnungsvogel Rechnung und leisten unseren Beitrag dazu, dass sich die Stadt weiter von ihrer dunklen Phase erholen und noch mehr aufblühen kann.

Ich hoffe, das ist mir mit diesem Beitrag zumindest ansatzweise gelungen. Natürlich werden noch mehr Beiträge zu Medellín folgen, denn ich denke, ihr habt bereits gemerkt, dass ich die Stadt ins Herz geschlossen habe.

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